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Die Heilkraft der Osteopathie

Mein erster Kontakt mit Osteopathie war nach der Geburt des ersten Kindes einer Freundin. Die Kurzfassung: Das kleine Mädchen schrie viel und trank schlecht an der Brust - es wurde ein KISS-Syndrom festgestellt und nach einem Besuch bei der Osteopathin war das Kind wie ausgewechselt und die Probleme weg. Solche Berichte sind keine Einzelfälle und auch in unserer Familie konnte die Osteopathie schon auf verschiedenste Art helfen. Lese ich dann Presseartikel wie „Erfundene Krankheit: Biedermanns schiefe Babys“ (Spiegel 12/2009) oder „Osteopathie für Kinder: Hände ohne Heilkraft“ (SVZ vom 26.9.2015) bin ich wütend, dass die vielen guten Erfahrungen als Zufälle und unsere Entscheidung für diese Behandlungsmethode als Naivität herabgesetzt werden. Im Spannungsfeld zwischen Doppelblindstudien und sogenannten „Modediagnosen“ sehen viele Eltern einfach den Nutzen für ihr Kind. Worauf der sich begründen mag und nach ihrer Sicht auf die Osteopathie (und besonders das KISS-Syndrom) haben wir Christiane D. Strauss, Osteopathin in Wismar und spezialisiert auf Säuglings-und Kinderbehandlungen, gefragt.

Räuberpost: Frau Strauss, warum hat die Os- teopathie bei vielen Laien, aber auch Medizi- nern, so einen schlechten Ruf?

Christiane D. Strauss: Es gibt Funkti- onsstörungen des Körpers, die man nicht mit Geräten unserer medizinischen Tech- nik nachweisen, sondern vielleicht nur als erfahrener Behandler mit den Händen ertasten kann. Wenn schon Funktionsstö- rungen bzw. die Ursachen der Beschwer- den schlecht messbar sind, kann ich noch schlechter die Behandlungsergebnisse nach den Methoden der Schulmedizin be- weisen.

Dem gegenüber steht allerdings regel- mäßig die größte Anerkennung der The- rapien durch Hebammen und Eltern von behandelten Säuglingen und Kindern.

Menschen, die ausschließlich die soge- nannte „evidenzbasierte Medizin“ aner- kennen, werden wenige groß angelegte Studien zur Wirksamkeit der Osteopathiefinden.

Welche Diagnose- und Behandlungsmetho- den wenden Osteopathen an?

Osteopathie ist keine Zauberei, sondern basiert auf Anatomie und Physiologie und deren funktionellen Zusammenhängen.

Wir arbeiten mit den Händen, erspüren Störungen von Knochen, Gelenken und Weichteilen und versuchen, sie sanft zu lösen.

Eltern kennen die Osteopathie oft in Bezug auf ein vermutetes „KISS-Syndrom“. Was ist das genau?

„KISS-Syndrom“ ist die Abkürzung für „Kopfgelenk induzierte Symmetrie Stö- rungen“ bei Säuglingen. Durch den Ge- burtsvorgang und besonders nach ge-burtshilflichen Interventionen, wie Saug- glockengeburt oder Kaiserschnitt, kann die Halswirbelsäule stark belastet sein. Gestauchte Kopfgelenke können Ner- ven irritieren, die in unmittelbarer Nähe

durch kleine Foramen (Öffnungen) tre- ten und den Schädel verlassen. Daraus resultierend können wir verschiedenste typische Symptome beobachten, z.B. eine Schiefhaltung des Kopfes, Stillprobleme oder eine Lieblingsseite beim Stillen, die vermeintlichen „Drei-Monats-Koliken“ mit Unruhe, Schreien, verkrampfter Kör- perhaltung und schlechtem Schlafen.

Also ist das KISS-Syndrom mehr als ein Schiefhals?

Die Deutsche Gesellschaft für osteopa- thische Medizin e.V., sieht das KISS-Syn- drom ganzheitlich im Zusammenhang mit weiteren Störungen im Säuglingsalter.

Das Nervensystem, die Darmschleimhaut, die Schleimhaut der oberen Atemwege und die Körperhaut haben den selben entwicklungsbiologischen Ursprung und bedingen einander.

Durch die Kompression der Schädelkno- chen und Kopfgelenke vor oder während der Geburt kann das Nervensystem ir- ritiert werden. Nicht nur die bekannten „Drei-Monats-Koliken“ könnten hier ihre Ursache haben.

Auf Grund dieser funktionellen Zusam- menhänge behandeln Kinderosteopathen nicht nur und nicht vordergründig die Halswirbel oder den Darm, sondern auch das Nervensystem durch Spannungsaus- gleich zwischen den Schädelknochen, den Kopfgelenken, der Wirbelsäule und im Kreuzbein.

Aber woher kommt der abwertende Stempel „Modediagnose“?

In meinen Gesprächen, beispielsweise mit Kinderärzten, höre ich oft:: „Früher“ ha- ben die Säuglinge auch geschrieen, da gab es keine Osteopathie und die Kinder sind auch groß geworden!“ Die KISS-Sympo- matik gab es damals auch schon, sie hat- te nur keine umfassende Beschreibung, sprich Diagnose. Doch warum sollen wir unseren Kindern den Start ins Leben nicht erleichtern? Oder älteren Kindernmit häufigen Mittelohrentzündungen,Asthma, Bißstörungen oder Konzentra- tionsschwierigkeiten nicht versuchen, auf diese Art zu helfen?

Die Kinderosteopathie versteht sich ganz- heitlich und im Kontext mit der gesamt- en Medizin, vor allem auch, um schwere Erkrankungen und Strukturstörungen auszuschließen. „Modediagnose“ ist für mich dabei kein Kriterium, die Medizin ist immer im Wandel.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

weiterlesen:

www.dgom.info (Dt. Gesellschaft für osteopa- thische Medizin e.V.; Infos zu osteopathisch behandelbaren Krankheitsbildern)www.stauss-osteopathie.de (Informationen der Autorin u.a. zu anatomischen und funk- tionellen Hintergründen der Osteopathie)„Wissenschaftliche Bewertung osteopathi- scher Verfahren“ Artikel aus dem Deutschen Ärzteblatt 2009; 106(46)

Räuberpost im Herbst 2016 veröffentlicht.

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Unsere Interviewpartnerin Christiane D. Strauss ist Physi- otherapeutin und Heilpraktikerin mit langjähriger Berufs- erfahrung. 2009 machte sie nach 5-jähriger Ausbildung den Abschluss der Osteopathie nach den Richtlinien der Bun- desarbeitsgemeinschaft Osteopathie e. V. und dem Verband der Osteopathen Deutschland e.V. und schloß verschie- dene Weiterbildungen, u.a. zur osteopathischen Säuglings- und Kinderbehandlung, an.


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